Dolan Anyways

Laurence AnywaysNach einem bemerkenswerten Debüt (J’ai tué ma mère, 2009) und einem eingebildeten Zweitwerk (Les amoures imaginaires, 2010) kommt nun der dritte Film von Xavier Dolan: Laurence Anyways (2012). Die Laufzeit von 159 Minuten deutet auf epische Ausmaße und große Ambitionen hin und zumindest in Teilen wird diese Vermutung auch bestätigt. Er bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Narzissmus und Ehrlichkeit, zwischen Zurückhaltung und Übertreibung – und nicht immer gelingt es, auf der richtigen Seite zu bleiben.

Dass es schwierig ist, seinen Weg in diesen Film zu finden, liegt sicher nicht zuletzt an der herausfordernden Thematik. Ein Film über die eigene Jugend und die problematische Beziehung zur Mutter geht sicher müheloser von der Hand als eine dieser ultimativen, weil unmöglichen Liebesgeschichten – sowohl für den Regisseur als auch für die Zuschauer. Diese Liebesgeschichte spielt in Montreal in den späten 80ern. Laurence (Melvil Poupaud) und Fred (Suzanne Clément) lieben sich scheinbar bedingungslos. Bis Laurence gesteht, dass er sich im falschen Körper gefangen fühlt und eine Frau sein will. Die Beziehung der beiden wird auf eine undenkbare Probe gestellt, die zeigt, dass es nicht Laurence ist, der zu sich finden muss, sondern Fred. Dass kein eindeutiger Fokus auf nur eine der beiden Hauptfiguren gelegt wird, zeigt eine besondere Ehrlichkeit der Erzählung, in der beide Seiten den gleichen Spielraum bekommen. Dabei wird keine Entwicklung als die richtige oder die falsche eingestuft, keine ist mehr oder weniger problematisch als die andere. Diese Ausgewogenheit findet ihren Ursprung sicher auch in den schauspielerischen Leistungen, ganz besonders in Suzanne Cléments Verkörperung von Fred. Eine Frau, deren gesamtes Lebensbild plötzlich umgeworfen wird und die sich nun fragen muss, wen sie lieben kann: Laurence, den Mann oder Laurence, die Person? Ihre emotionalen Ausbrüche sind so packend wie ihre stilleren Momente der Resignation. Über die zehn Jahre, die der Film abdeckt, werden sich Laurence und Fred wieder und wieder dem Kampf stellen, auch wenn er noch so aussichtslos erscheint.

laurence-anyways-rainAussichtslos erscheint auch der Kampf des Filmes mit sich selbst. Vielleicht steht Dolan selbst seinem Film im Weg (bei dem er erstmals auch den Schnitt übernommen hat) und konnte sich wohl nicht so recht von all den hübschen Einfällen trennen. Man wünscht sich eine stärkere Konzentration auf die zentrale Geschichte, ohne Ablenkungen und Nebensächlichkeiten. Bevor ein Sog auch nur entstehen kann, wirft sich etwas dazwischen, sei es die ziemlich einfallslose Einbettung der Geschichte in ein retrospektives Interview mit Laurence oder die regelmäßige Überladung auf Bild- und Tonebene. Manchmal verfehlen diese betont großen Momente einfach die Wirkung eines emotionalen Bruchs und werden eher zum Alibi, zur oberflächlichen Ausschweifung. Wie eine Fassade, die die Selbstfindung verhindert. Dabei funktioniert der überladene Charakter in anderen Aspekten ziemlich gut: der Look, der Stil und das Gefühl einer Spät-80er / 90er Jahre Umgebung wurden definitiv getroffen. Und man muss sich eben doch manchen Moment eingestehen, in dem es Dolan wieder gelingt, extreme Gefühle durch visuelle Einfälle auszudrücken. Wenn Fred irgendwann auf dem Sofa sitzt, während sie Laurence’ Buch liest und plötzlich von Wassermassen übergossen wird, als würden sie ihre eigenen Gefühle ertränken, ist das eines der effektvollsten Bilder im Film. Die sprichwörtliche Überflutung wird später auf andere Weise fortgesetzt, wenn sie gemeinsam mit Laurence auf einer Straße läuft und es Kleidungsstücke verschiedener Farben und Formen regnet. Der eine Regen lässt sie triefend und ohnmächtig zurück, der andere schenkt ihr – wenn auch nur in diesem Moment – Freude und Hoffnung. Alles ist verloren und alles ist möglich.
Laurence-Anyways-Xavier-Dolan-2012

Laurence Anyways, Kanada/Frankreich 2012, 159′
Regie und Drehbuch: Xavier Dolan
Kamera: Yves Bélanger
Schnitt: Xavier Dolan
Darsteller: Melvil Poupaud, Suzanne Clément, Nathalie Baye
Verleih: NFP/Filmwelt
Kinostart: 27.06.2013

Über Jennifer Ament

Studium: Medienwissenschaften || Lieblingsfilme: "Rebel Without a Cause" (Nicholas Ray, USA 1955), "Psycho" (Alfred Hitchcock, USA 1960), "Taxi Driver" (Martin Scorsese, USA 1976), "A Clockwork Orange" (Stanley Kubrick, UK/USA 1971), "The Shining" (Stanley Kubrick, UK/USA 1980), "Fear and Loathing in Las Vegas" (Terry Gilliam, USA 1998), "Fight Club" (David Fincher, USA/D 1999), "Donnie Darko" (Richard Kelly, USA 2001), "Oldboy" (Park Chan-wook, Südkorea 2003), "Tabu" (Miguel Gomes, P/D/BR/F 2012)
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