Im Interview: Sebastian Mez über seinen Film „Metamorphosen“

sebastian mez kleinausschnitt

Bei dem letzten Film aus der Cinematheks-Reihe „Metamorphosen“ war auch Regisseur Sebastian Mez zu Gast. Nach der Filmvorführung ergab sich eine angeregte Diskussion über inhaltliche und formale Aspekte des Dokumentarfilms über ein radioaktiv stark belastetes und immer noch bewohntes Dorf in Russland. Am Folgetag konnte diese Diskussion im Werkstattgespräch mit Studenten der HBK fortgesetzt werden. Die Daumenkino-Redaktion sprach anschließend in einem intensiven Interview mit Sebastian Mez über die spezifischen Stilmmittel des Films, hierbei berichtete er auch von seinen ganz persönlichen Eindrücken beim Prozess der Filmentstehung.
Wie ist die Idee zum Film überhaupt entstanden?

Es fing tatsächlich mit Fukushima an. Zu der Zeit hat die ganze Welt nach Japan geguckt, auch ich, denn das was dort passiert ist, hat einfach riesige Welle geschlagen. Ich weiß noch, dass ich mich damals in einem Ausnahmezustand befand. Ich war nur noch im Internet bei Twitter, Facebook, Spiegel-Online, um irgendwelche neuen Informationen zu bekommen und irgendwann dachte ich mir, da ich jemanden aus Tokio kenne, dass ich da jetzt hin muss, ich muss vor Ort selber schauen, als Filmemacher, was dort passiert und nicht nur den Medien vertrauen. Der Umstand, dass die Katastrophe nur 250 km von der größten Metropolregion der Welt entfernt passiert ist, bedeutete eine Extremsituation. Heute weiß man, dass der japanische Premierminister Szenarien ausarbeiten lies, wie 31 Mio. Menschen zu evakuieren wären, was ja eigentlich unvorstellbar ist. Diese Situation war damals so spannend für mich dort hin zu fahren. Mit dieser Reise fing alles an. Als ich dann wieder zurück aus Japan war, habe ich, um das überhaupt einordnen zu können, nach vergleichbaren nuklearen Katastrophen in der Geschichte gesucht und bin relativ schnell auf den laut INES dritt schlimmsten Unfall in der Geschichte, auf den kerntechnischen Unfall in Majak, gestoßen und mich hat sofort gewundert, dass nie darüber gesprochen wird, vor allem im Zusammenhang mit Fukushima. Immer wird in Vergleichen über Tschernobyl gesprochen aber nie über die Region im Süd Ural. Das war ein ausschlaggebender Grund wieso mir relativ schnell klar wurde, dass ich mich in meinem Film damit beschäftigen werde.

Zwei Aussagen in Deinem Film, die von Bewohnern gemacht werden, sind sehr prägnant. Zum einen „Wir sind wie Versuchskaninchen“ und „Die Strahlung ist unsichtbar, man riecht sie nicht“. Sind das für Dich auch so prägnante Aussagen, um die Situation der Menschen dort zu beschreiben?

Ja, das kann man so sagen. Was die ältere Frau sagt, nämlich dass die Menschen dort wie Versuchskaninchen leben, würde ich so unterschreiben. Für mich ist das auch ein Hauptgrund, warum man die Leute nicht weiter weg umgesiedelt hat, weil sie tatsächlich „interessante“ Forschungsobjekte sind. Und nicht nur für die Wissenschaftler vor Ort, sondern auch für internationale Forscherteams. Es gibt auch ein Institut, das Helmholtz Zentrum in München, welches seit einigen Jahren dort forscht. Und wie ein Bewohner im Film erzählt, waren auch Japaner dort. Das beurteilt man jetzt auch nochmal anders, wenn 2006 Japaner da waren um zu untersuchen, was Radioaktivität langfristig mit Menschen macht und ein paar Jahre später haben sie das Versuchsfeld quasi auf eigenem Boden. Das ist eine heftige Aussage, aber es stimmt schon. Ich würde auch sagen, die Menschen sind dort wie Versuchskaninchen. Die Unsichtbarkeit ist natürlich gerade in Bezug auf Film, wo mit ganz konkreten Dingen gearbeitet wird, also mit Bild und Ton, eine Herausforderung und gleichzeitig schafft es aber auch viel Potential durch die sich ergebende dramatische Ironie, da die Bilder aufgeladen sind mit dem Wissen, dass in ihnen etwas ist, was eigentlich nicht sichtbar ist.

Manchmal ist um die Silhouette der Personen und auch um das Messgerät ein Glow, also ein heller Schein, welcher Gedanke steckt hinter diesem Stilmittel?

Das ist etwas bewusst Unbewusstes. Die entstanden dadurch, dass ich mit Strukturfiltern gearbeitet habe. Ich habe mit 24 p/s gearbeitet in der Videokamera und später habe ich diese Einzelbildsequenz durch eine in Photoshop erstellte Aktion bearbeitet. Hier wurden Abläufe festgelegt, die dann automatisch auf mehrere Bilder reproduziert wurden. Diese Abläufe beinhalten mehrere Strukturfilter und Kontrastbearbeitung. Diesen „Automatismus“ habe ich auf alle Bilder angewandt, was sie unnatürlich verändert hat. Diesen Prozess konnte ich nur bedingt berechnen, denn das Erstellen solcher „Aktionen“ ist eigentlich für Fotografie gemacht und nicht für bewegte Bilder. Wenn man jedoch Bewegtbilder hat, mit unterschiedlichen Lichtstreuungen, unterschiedlichen Helligkeiten, der Filter jedoch permanent die immer gleichen Werte anwendet, entstehen dadurch seltsame Effekte, die das Bild teilweise unnatürlich wirken lassen. Ich fand es äußerst reizvoll, dass es diesen unberechenbaren Einfluss auf das Material gibt. Ein Aspekt dieser Filter ist, dass er einen Dynamik-Umfang schafft, der eigentlich nicht im Material vorhanden ist. Das heißt, die Anwendung versucht Informationen aus hellen Bildbereichen zu holen, die eigentlich nicht da sind. Das gleiche passiert mit den dunklen Bereichen und dadurch werden Hell und Dunkel angepasst, ähnlich wie bei HDR-Fotografie. Dadurch entstehen ganz oft diese „Glows“ um die Personen, weil sie eher dunkel sind und die Umgebung hell ist. Das heißt, ich habe das nicht bewusst gemacht, dass ich etwa gesagt hab: „Ich baue denen einen Heiligenschein“ oder dergleichen. In einer Sequenz wird das ganz deutlich, nämlich als die zwei Personen aus dem Fluss kommen und das Boot hoch tragen. Ich fand es ausgerechnet für die Sequenz spannend, dass mir der Filter da etwas kreiert hat, das so wirkt, als würden die Personen „strahlen“ weil sie da gerade aus dem Fluss kommen in dem ich ja auch war und der wirklich stark radioaktiv belastet ist.

Du bist für die Dreharbeiten ein gesundheitliches Risiko eingegangen. Wie hoch war da die Hemmschwelle, in das radioaktiv belastete Gebiet zu fahren, bzw. wie schnell hast du deine Bedenken überwinden können?

Die war sehr groß, wobei das allgemeine Klima der Angst viel größer war, als ich nach Japan fuhr. Die ganze Welt hat darüber gesprochen. Es war überall präsent in den Medien und da hatten auch meine Angehörigen und engsten Freunde Angst um mich. Bei meiner Reise nach Russland war das kein Thema mehr, denn das war ja nicht so präsent, aber heute sage ich, Russland war viel kritischer als Japan, wobei auch das muss man relativieren. Ich habe dadurch jetzt nicht meine Gesundheit zerstört, aber ich bin natürlich ein erhöhtes Risiko eingegangen, habe aber auch im Vorfeld viel dazu recherchiert, ab wann Strahlung wie gefährlich ist. Die eigentlich gefährliche Strahlung ist tatsächlich die, die wir in unseren Körper aufnehmen, die von außen kann auch gefährlich sein, aber die Mengen müssten sehr sehr hoch sein. Als Beispiel: Ein Geschäftsmann, der einmal pro Woche einen Transatlantikflug macht, bekommt pro Jahr viel mehr Strahlung ab als ich durch meinen vierwöchigen Aufenthalt dort. Auch Flugbegleiterinnen dürfen nur eine begrenzte Anzahl an Flügen pro Jahr machen aufgrund der hohen Strahlung. Das eigentlich Kritische sind aber die Radionuklide die man über die Nahrung aufnimmt, also z.B. Strontium-90 und Cäsium-137. Die Isotope lagern sich teilweise in der Schilddrüse und in den Lymphknoten ab und haben eine lange Halbwertszeit. Deshalb habe ich versucht zu vermeiden, dort etwas zu essen. Wir haben ja in Tscherjabinsk gewohnt, aber irgendwann haben wir auch in dem Ort bei den Leuten geschlafen. Dennoch muss man sagen, dass dort auch nicht jeder Krebs hat, obwohl sie die ganze Zeit der Strahlung ausgesetzt sind. Aber konkret weiß ich nicht wie hoch das Risiko letztendlich für mich war, aber ich habe die Entscheidung nun mal getroffen aber ja, die Hemmschwelle war schon da, natürlich.

Was hat Dich denn bei den Dreharbeiten überrascht? Du hattest bestimmt eine mehr oder weniger konkrete Vorstellung von den Dorfbewohnern. Als Du angekommen bist: Was war anders, als Du es vielleicht erwartet hättest?

Ich habe gerade nachgedacht, was eigentlich meine Erwartungshaltung war. Ich glaube, ich hatte keine besondere Erwartung, weil ich nicht so richtig wusste, was mich erwartet. Natürlich habe ich ärmliche Bedingungen erwartet, relativ einfache Menschen, auch was den Bildungsgrad angeht. Aber die Menschen, die uns empfingen, sind uns mit absoluter Offenheit begegnet. Sie waren so lieb und nett zu uns, dass es einem wirklich die Tränen in die Augen getrieben hat. Sie haben alles aufgetischt, was sie hatten und sie haben nicht viel. Wir haben uns sehr willkommen gefühlt. Und das war ein sehr schönes Erlebnis. Mein größter Traum wäre es, nochmal dahin zu fahren und den Leuten den Film zu zeigen. Vielleicht sogar ihre Wahrnehmung auf den Film festzuhalten. Ich könnte mir vorstellen, dass ich wieder ähnliche Porträtaufnahmen mache, vielleicht nicht ganz so nah diesmal, dass man sozusagen in Echtzeit die Reaktionen sieht und dass ich daraus dann eine Collage baue. Vielleicht auch nicht unbedingt als Film, vielleicht auch als Videoinstallation. Das fände ich spannend, weil die Leute ja nicht nur sich selbst im Film sehen, sondern auch, weil es so gut wie keine Filmkultur dort gibt. Das heißt, die Sehgewohnheiten sind auch völlig unverbraucht. Dann ist es spannend zu sehen, wie dann so ein Film aufgenommen wird. Also, um auf die Frage zurückzukommen: überrascht hat mich diese Offenheit und diese Wärme. Das war wirklich schön zu erleben. Es gab natürlich auch Leute, die die Tür zu gemacht haben und gesagt haben: „Nee, wollen wir nicht.“ Es gibt zum Beispiel eine Frau die einen stark behinderten Sohn hat und jeder der dort war hat mit ihr gedreht und dann ist es auch verständlich, dass manche sagen, dass sie das nicht mehr möchten. Ich will ja auch nicht der Hundertste sein, der mit ihnen dreht. Auch wenn man natürlich versucht zu erklären, dass wir unterschiedliche Herangehensweisen haben. Aber sind wir wirklich so viel anders für die Menschen dort? – Ich habe auch eine Kamera, ich stelle auch Fragen. Zwar ist das Resultat vielleicht anders, aber ich kann auch verstehen, wenn ich für die Menschen der Gleiche bin, wie der BBC-Reporter, der dort einen Tag lang mit Schutzmontur auftaucht, wie ein Alien und dann wieder geht.

Die Porträtaufnahmen der Bewohner sind ein entscheidendes Stilmittel von Metamorphosen. Würdest du sagen, dass es schwieriger ist solche intimen Aufnahmen zu machen, wenn man wie Du zu den Leuten einen persönlichen Kontakt aufbaut? Wären solche Aufnahmen vielleicht einfacher zu machen, wenn Du mit den Leuten einen weniger intensiven Kontakt gehabt hättest?

Also ich glaube, dass es einfacher war, die Bilder zu machen, wenn man das Vertrauen der Leute gewonnen hat. Ich habe die Portraitaufnahmen immer relativ am Ende gedreht. Einfach auch deshalb, weil die Leute sich dann ein bisschen an die Kamera gewöhnt haben, dann habe ich auch von mir erzählt. Es war nicht so, dass ich dahin gekommen bin und Fragen gestellt habe, es war auch immer ein Geben und Nehmen. Wir haben viel Zeit mit den Menschen verbracht. Vor allem mit Gelani, derjenige, der vor dem Auto tanzt, gab es eine sehr angenehme Gesprächssituation am Tisch, wo ich dann die Kamera gar nicht mitlaufen hatte, sondern nur einen kleinen Audio-Rekorder. Da habe ich auch von mir erzählt und auch von meinen Ängsten, dass ich da an diesem Ort bin, ich glaube, dass das förderlich war. Und trotzdem hat er sich bei den Porträtaufnahmen unwohl gefühlt. Ihm sieht man das richtig an. Ich glaube, dass diese Vertrauensbasis schon geholfen hat, aber letztendlich ist das natürlich trotzdem eine komische Situation für diejenigen, die gefilmt werden.

Die Porträtaufnahmen haben ja schon einen künstlichen Charakter innerhalb des Films. Wieso hast du diese Aufnahmen überhaupt gewählt?

Diese Nähe der Aufnahmen ist nicht durch einen Zoom aufgebaut worden, die Kamera tritt bei diesen Aufnahmen selbst sehr nah an die Menschen heran, dadurch wird bewusst eine starke Nähe aufgebaut. Alles ist ein Konstrukt, auch im Dokumentarfilm, aber innerhalb dieses Konstrukts entsteht etwas Authentisches. Inspiriert wurden diese Aufnahmen von einer Porträtserie über die Menschen in Musljumowo des Fotografen Robert Knoth.

Wie ist es denn zu dieser Tanzszene vor dem Auto gekommen? Die sticht ja schon ein bisschen hervor.

Das war so: wir saßen bei Gelani am Tisch und er hat ein bisschen von sich erzählt und plötzlich erwähnt er in einem Nebensatz, dass er eine Ballettausbildung hat, wovon er uns auch zwei Fotos gezeigt hat. Er ist ein Flüchtling aus Tschetschenien. Er ist also geflohen aus seiner Heimat, aufgrund des Krieges, ist dann dorthin gegangen und wusste nicht, dass die Gegend radioaktiv verstrahlt ist. Er hat also Schutz gesucht in einer Region, die lebensgefährlich ist. Er hatte keine Stereoanlage im Haus, wollte uns aber sein Lieblingslied zeigen, also gingen wir zum Auto, in dem er einen Kassettenplayer hat. Dann fing er kurz an zu tanzen und ich fand es großartig. Ich habe ihn gefragt, ob ich das drehen darf. Das heißt, die Szene im Film ist wiederum nochmal konstruiert, also eine Reproduktion dessen, was er vorher tatsächlich gemacht hat. Aber er hat das Problem, dass er ziemlich viele Schmerzen hat, deswegen konnte er es nicht lange durchhalten. Ich fand es trotzdem sehr schön, dass man auch mal jemanden so sieht und nicht immer nur die traurigen Sachen im Vordergrund stehen. Es ist ja auch nicht alles traurig, es gibt ja auch schöne Augenblicke. Es gab abseits der Kamera viel Humor auch wenn sich das vielleicht nicht immer im Film widerspiegelt.

Ja, wobei, der Film ist auch nicht auf so eine schwere Art traurig. Irgendwie eher nüchtern, die Leute und den Gegenstand des Films ernst nehmend und deswegen notwendigerweise auch mit diesem Ernst verbunden, aber das nicht überzeichnet. Die Kindergartenszene als Beispiel: Da tanzen die Kinder und das ist ja auch ein bisschen ironisch.

Ja, das war einer dieser „Glücksmomente“ beim Dokumentarfilm. Ich habe natürlich vor Ort nicht den Text des Liedes verstanden, den die singen. Die Kindergärtnerin hat es dort gespielt und ich habe das dann aufgenommen und später die Übersetzung bekommen. Es war unglaublich ironisch dieses „Wir leben hier am schönsten Ort der Welt, wir essen Kokosnüsse und Bananen…“

Du hast ja auch ohne Drehgenehmigung gedreht. Könnte das noch Konsequenzen haben?

Das weiß ich nicht. Das werde ich erfahren, wenn der Film hoffentlich bald auf einem russischen Festival läuft und ich wieder eine Einreisegenehmigung brauche. Ich habe keine Ahnung. Ich habe mich immer gefragt, ob auf der Berlinale bei einem Screening auch mal ein russischer Botschafter oder irgendwelche Leute sitzen, die davon etwas mitbekommen haben. Ich glaube aber, dass der Film den Vorteil hat, dass er nicht den „NGO-Anti“ Charakter hat, auch wenn er kritisch ist. Oder? Ich weiß nicht, wie seht ihr das?

Ist ja immer die Frage, wo so eine Zensur greift.

Ich habe auch in fast jedem Interview gesagt, dass ich ohne Drehgenehmigung gedreht habe. Vielleicht war das nicht so gut. Aber (lacht) ich würde gerne nochmal einreisen dürfen. Ich würde gerne auch überhaupt mal durch Russland reisen, durch Sibirien und vielleicht auch nochmal dort arbeiten, ist schon ein tolles Land. Die Menschen sind wirken auf mich sehr pur, authentisch und schnörkellos.

Der Ton kommt ja eigentlich durchgängig aus dem Off. Du hast gesagt, Du möchtest gerne diese Talking-Heads-Situation vermeiden, aber hast Du zusätzlich beabsichtigt, eine bestimmte Wirkung dadurch zu erzielen?  Dieser Umgang mit Ton und Bild erzeugt ja schon eine bestimmte Wirkung.

Ich versuche mal die Wirkung zu beschreiben, die es auf mich hat. Für mich hat die Erzählstimme aus dem Off eher einen narrativen, erzählerischen Charakter. Ich nehme jetzt mal einen Vergleich: Mein Vater ist früher viel geschäftlich rumgereist, er kam dann immer zurück mit Dias, die wir dann angeschaut haben. Er hat dann dazu Anekdoten und Geschichten erzählt. Das fand ich immer ganz toll. Ich habe dann auf diese Dias geschaut und habe dabei meinen Vater reden hören. Und das, was er uns dann erzählt hat, musste ich mir alles vorstellen in diesem Bild. Und das hat mich vielleicht ein bisschen geprägt, weshalb ich Off-Text mag. Da ist dann jemand, der mir was erzählt und ich sehe etwas anderes und dazwischen entsteht dieser Raum und das finde ich spannend. Wobei ich mir bei diesem Film geschworen hatte, ich mache diesmal den Ton im On. Einfach, weil mein letzter Film auch komplett Off-Text hatte. Da kam der aber gezwungenermaßen zustande, da es um Zwangsprostitution ging und ich da mit Anonymität arbeiten musste, was diesmal nicht der Fall war. Für „Metamorphosen“ habe ich die Menschen alle im On gedreht, meist in einer Totalen. Das heißt Gelani saß zum Beispiel auch auf diesem Bett, wo später dann die Katze zufrieden liegt. Gulschara, das ist die Frau, die als Kind den Unfall erlebt hat und wahnsinnig viele Krankheiten hat, saß auch an dem Tisch, an dem wir später das Porträt gemacht haben. Wir mussten im Schnitt anfangs ausschließlich mit den Bildern arbeiten, da wir die Übersetzung noch nicht hatten. Als dann später die Talking Heads dazu kamen, war plötzlich diese für uns so starke, poetische Linie komplett gebrochen. Mir ist aber auch bewusst, dass einige Zuschauer das Bedürfnis haben, die Leute, die sprechen, auch sehen zu wollen. Das ist immer eine Kritik, die man sich anhören muss, wenn man mit Off arbeitet. Für mich funktioniert es einfach total gut.

Man sieht die Leute ja auch, nur nicht direkt beim Sprechen und kann das Gesagte dadurch fast immer zuordnen. So entsteht ein Raum, in dem man sich selbst orientieren und sich Gedanken machen kann. Teilweise ist die Wirkung auch intensiver, gerade bei der Frau, die nach dem alten Paar kommt. Man merkt in ihrer Stimme, dass sie ergriffen ist und dass es ihr schwer fällt, über die Situation zu sprechen. Es ist fast spannender, ihre Emotionen nur über ihre Stimme zu empfinden und sie nicht unbedingt auch noch zu sehen.

Diese Frau war tatsächlich einer der Hauptgründe, wieso wir uns für das Off entschieden haben. Es wäre inkonsequent gewesen, einige Personen im On zu zeigen und andere gar nicht. Für uns war deswegen klar, dass wir entweder niemanden oder alle zeigen. Bei ihr war es so, dass sie schon oft für Kameras gesprochen hat. Dadurch wirkte ihre ganze Erscheinung während des Gesprächs fast schon professionalisiert, sogar ihre Trauer – ohne ihr das unterstellen zu wollen – aber es wirkte teilweise wie Kalkül. Wenn die Kamera jedoch aus war und wir mit ihr gegessen und Wodka getrunken haben, war sie eine völlig andere Frau. Und diese Frau wollte ich eher haben als die aufgeregte, kritisierende Protestfrau. Deswegen habe ich diese „andere“ Frau mit dem Tongerät anstelle der Kamera aufgenommen. „Metamorphosen“ ist für mich auch weniger ein Protestfilm, ich sehe ihn eher als einen Film über die Stärke der Menschen mit dieser Situation umzugehen.

Deine bisherige Filmografie verrät, dass Du Dich bisher eigentlich durchweg mit relativ schwierigen Themen beschäftigt hast. Als erstes mit der Todesstrafe in Texas („Do the right thing“, 2007), dann mit der Reinigungskraft in einer Hinrichtungszelle („Clean Up“, 2008) und schließlich mit Zwangsprostitution („Ein Brief aus Deutschland“, 2011). Hat sich das für dich mit deinem Studium ergeben oder hast du dir vorher schon gedacht, dass du zu solchen Themen tendierst?

Nein, das hat sich erst ergeben. Manchmal habe ich auch Angst, als derjenige abgestempelt zu werden, der immer diese schwierigen Themen macht. Das will ich natürlich nicht. Ich mache Filme zu den Themen, die mich so sehr packen oder ergreifen, dass ich mich unbedingt damit beschäftigen will. Zusätzlich brauche ich auch immer einen visuellen Reiz. Ohne oberflächlich klingen zu wollen, bin ich nun mal sehr stark am Visuellen interessiert. Ich habe mich dafür entschieden, Filme zu machen und keinen Journalismus zu studieren, weil ich mit Bild und Ton arbeiten möchte. Es geht für mich darum, mit Bild und Ton Geschichten zu erzählen, Zusammenhänge darzustellen oder Gefühle zu transportieren, deswegen brauche ich oft auch einen visuellen Reiz. Im Fall von „Metamorphosen“ war es z.B. die Porträt-Strecke der Menschen aus Musljumowo von Robert Knoth. Das hat einfach etwas in mir ausgelöst, was ich brauche, um ein Thema anzugehen.
Natürlich sind es alles Themen, die nicht nur gemeinsam haben, dass sie schwierig sind, sondern auch, dass es um Menschen geht, die sich in extremen Situationen befinden. Jemand, der auf seine Hinrichtung wartet, der also genau weiß, wann er sterben wird, was wir sonst nie wissen. Menschen, die in einer Gegend leben, in der die Gefahr da ist, aber nicht spürbar oder sichtbar ist. Frauen, die gezwungen werden, etwas zu machen, was sie nicht machen wollen. Das sind schon alles Extremsituationen. Aber in meiner fiktiven Filmografie finden sich auch andere, persönlichere Themen. In meinem Kurzfilm „Brasa“ (2012) habe ich den Tod meiner Mutter verarbeitet, jedoch unter einem fiktiven Deckmantel. Diesen Film habe ich in Sao Paulo, Brasilien gedreht. Es geht um einen Mann, der vor etwas flüchtet und ich als Filmemacher bin auch weit weg geflüchtet. Solche Brüche zeigen, dass ich mich nicht nur mit den schwierigen Themen beschäftige, allerdings waren diese Filme am erfolgreichsten. Vielleicht liegt es auch daran, dass solche Themen herausstechen.

In „Metamorphosen“ arbeitest Du sehr stark mit Plansequenzen. Ist das ein Stilmittel, das Du speziell hier ausgesucht hast oder verwendest Du es auch in anderen Filmen?

Nein, damit arbeite ich häufig. „Brasa“ arbeitet beispielsweise mit sehr langen Plansequenzen, die längste dauert fast zehn Minuten. Aber das ist ein fiktiver Film, bei dem es natürlich so ist, dass innerhalb der Sequenz mehr Veränderungen stattfinden. Der langsame Erzählrhythmus ist generell etwas, das ich sehr gerne mag, auch wenn ich mir andere Filme ansehe. Und natürlich mache ich das, was mir selbst gefällt und nicht das, was ich denke tun zu müssen, weil andere es mögen. Es ist spannend, wenn man über die erste Wahrnehmung eines Bildes hinaus noch mehr Dinge für sich entdecken kann. Wir sind es gewohnt, Bilder schnell begreifen zu müssen, weil sie auch schnell wieder verschwinden. Man ist sozusagen geschult, ein Bild schnell abzuscannen, woraufhin direkt das nächste folgt. Dann irritiert es schon, wenn man ein Bild zeigt und es länger stehen lässt, sodass man sich über das schnelle Abscannen hinaus weiter damit auseinandersetzen muss. Man beginnt, erneut hinzusehen und fragt sich, ob da eigentlich noch mehr ist. Diesen Prozess mag ich sehr gerne. Es hat natürlich auch immer mit dem Thema und dem Film zu tun, aber eine relativ unaufgeregte, langsame Erzählweise zieht sich definitiv durch alle meine Filme.

Hattest du Schwierigkeiten damit, die Textpassagen in „Metamorphosen“ auszuwählen und den Rhythmus dafür zu bestimmen?

Ein Vorteil bei der Arbeit mit dem Off ist, dass man im Ton besser schneiden kann. Aber ja, es ist immer schwierig, Textpassagen auszuwählen, weil es unglaublich viele interessante, spannende Aspekte gibt. Aber man kann nicht alles im Film behalten und muss abwägen, welche Aussagen für diesen speziellen Charakter, für diese Figur interessant sind und was sie besonders macht. Ich würde sagen, dass der Rhythmus des Films aber nicht dadurch bestimmt wird, sondern sich irgendwie immer von selbst aufdrängt. Es ist auch ein Unterschied, ob man schnell oder langsam dreht. Meine Einstellungen bewegen sich nicht und sie suchen nicht, sondern ich suche erst und drehe dann.

Das ist interessant, das ist natürlich die eine Textebene, die andere sind die Informationen die nur als Schrift erscheinen am Anfang und zwischendurch. Die bestimmen natürlich nicht den ganzen Rhythmus des Films aber sind wie so eine Art Taktung des Films und natürlich auch inhaltlich getrennt von den Geschichten der Dorfbewohner. War es hier schwierig für dich zu sagen: Das sind jetzt die zentralen wenigen Informationen die es braucht und an dieser Stelle muss nochmal was kommen, um so einen Umschwung zu erzeugen?

Ich bin gar nicht so ein großer Fan von Texttafeln generell, aber man musste die Informationen bringen, man musste einmal am Anfang erklären was einfach Sache ist, weil das keiner der Protagonisten konnte, bis auf den Wissenschaftler und selbst der konnte es nicht knapp erzählen und hat immer weit ausgeholt. Deshalb mussten wir das einfach einmal knapp mit einer relativ trockenen Texttafel bringen. Die Tafeln am Anfang sind auch die längsten, damit man das sozusagen weg hat, damit dann der Film für sich sprechen kann. Dann wird es leider noch ein, zweimal unterbrochen von einer Texttafel, was eher dem Umstand geschuldet ist, dass man einfach diese Informationen bringen musste, wie ich finde.

Warum hast du „Metamorphosen“ in schwarz-weiß Bildern gedreht?

Es ging darum, dass ich von Anfang an bei „Metamorphosen“ mit Artifizierungen arbeiten wollte und schwarz-weiß bringt immer automatisch etwas Artifizielles mit sich, deswegen wird man ja auch immer gefragt: wieso schwarz-weiß? Das würde man ja nicht gefragt werden, wenn es ein Farbfilm wäre. Es hat etwas Befremdliches, weil es nicht unseren Sehgewohnheiten entspricht, weil es immer ein Ausdruck mit sich bringt, der für viele gekünstelt wirkt, für mich aber gar nicht gekünstelt ist, jedoch unglaublich starken Ausdruck hat. Ich bin sehr stark von s-w-Fotografie geprägt. Manchmal bin ich neidisch auf die Arbeit von Fotografen, weil sie losziehen in die Welt, und Bilder mitbringen, die sie für sich sprechen lassen können. Dieses Bild ist nur ein einziges Frame, ein Ausschnitt, man kennt meistens die Geschichte davor nicht, also die Entstehungsgeschichte des Bildes. Man weiß auch nicht was danach passiert ist, nur dieser Augenblick ist präsent und ich liebe das total, da es mir viel Raum lässt in diesem Bild zu verweilen, zu lesen. Sie müssen sich nie rechtfertigen wieso sie in schwarz-weiß fotografieren, weil es Fotografie ist und für den Film gelten andere Gesetze, gerade beim Dokumentarfilm. Ich sage immer, obwohl der Dokumentarfilm für mich mit die vielleicht freieste und kreativste Filmform ist, ist sie gleichzeitig die mit den meisten Regeln. Es gibt ja ganz viele Regeln was man nicht darf im Dokumentarfilm und diese Ambivalenz macht mir manchmal zu schaffen, aber sie schafft auch viel Kreativität.

Wann stand der Titel für Dich fest?

Ich habe immer arge Probleme mit Filmtiteln. Das ist meine ganz große Schwäche und „Metamorphosen“ war der Arbeitstitel, da für mich immer klar war, es geht auch um Veränderungen, um Deformationen, aber nicht nur offensichtliche, sondern auch welche die wir nicht sehen können. Ich hatte da so ein Schlüsselerlebnis mit dem Wissenschaftler Lukaschin: er hatte am Ende eines intensiven Gesprächs gefragt: „Was ist eigentlich der Titel des Films?“ und dann meint ich: „Metamorphosen, aber das ist nur der Arbeitstitel“. Da hat er kurz nachgedacht und meinte, dass das ziemlich passend sei, darum ginge es. Das hat mich beeindruckt, weil er einer der Wenigen ist, der die komplexen Zusammenhänge in dieser Region versteht. „Metamorphosen“ klingt abstrakt, aber die ganze Thematik ist im Grunde abstrakt. Außerdem hätten Filmtitel wie „die verbotene Zone“ oder dergleichen auf einen anderen Film hingedeutet.

Der Titel wirkt nicht so abgedroschen, wie „Die verbotene Zone“, das wäre die nächste Reportage. Es hat irgendwie so etwas ganz Abstraktes und ist dabei nicht so negativ behaftet. Es wird klar, dass es um Veränderung geht, aber es wird nicht angedeutet, dass es um was Schlimmes geht, sondern dass dort etwas passiert, das man nicht greifen kann und das schon im Titel, das ist schon ziemlich gut. Das Fukushima Projekt ist jetzt dein nächstes Projekt – in welchem Zusammenhang steht das Projekt mit „Metamorphosen“?

Es wäre schön wenn ich das irgendwo im Zusammenhang zeigen könnte, obwohl es sehr unterschiedliches Footage ist. Das ursprüngliche Konzept sah vor, dass das Japan- und Russland Material ein gemeinsamer Film wird, Fukushima wie eine Art Exposition verwendet wird, ein Prolog wird. Der Teil über das Dorf in Russland sollte dann der Hauptfilm sein. Es sollte auch einen Epilog geben, der in Deutschland spielt. Der Epilog würde sich mit der Abschaltung der Atomkraftwerke beschäftigen, quasi als Blick in die Zukunft, auch wenn ich nicht glaube, dass Länder wie China oder Frankreich sich von der Atomenergie verabschieden werden. Ich hoffe ja stark, wenn die Energiewende in einer Industrienation wie Deutschland jemals klappen wird, dass es eine Art Vorbildfunktion für andere Länder haben könnte und wir dann mit unserem Wissen und der entsprechenden Technik helfen können. Also ich glaube schon an die Energiewende, auch wenn die uns teuer zustehen kommt. Das war auf jeden Fall das Grundkonstrukt des Filmprojekts. Wir haben aber auch schon am dritten oder vierten Tag im Schnitt gemerkt, dass das Material aus Japan und Russland zwei völlig unterschiedliche Dinge sind, die können nicht zusammengehen und deswegen haben wir das einfach losgelöst von Metamorphosen. Das Fukushima-Projekt wird jetzt ein Kurzfilm, den ich erstmal auf Festivals zeigen möchte, gerne zusammen mit „Metamorphosen“. Und parallel möchte ich meinen nächsten Film entwickeln. Was das wird weiß ich noch nicht.

Metamorphosen D/R 2013, ’84
Regie, Kamera, Drehbuch, Produktion, Bildgestaltung: Sebastian Mez
Montage: Katharina Fiedler
Verleih: Ohne Verleih

Das Interview wurde geführt von Jennifer Ament, Deborah Uhde und Kristina Scholz.

Über Kristina Scholz

Studentin der Medienwissenschaften. Lieblingsfilme: Psycho (R: A. Hitchcock); Jaws (R: S. Spielberg); Stay (R: M. Forster); Donnie Darko (R: R. Kelly); Un Chien Andalou (R: Luis Bunuel, Salvadore Dali)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Cinemathek, Interview veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Im Interview: Sebastian Mez über seinen Film „Metamorphosen“

  1. Michael schreibt:

    Vielen Dank für das ausführliche Interview, das einige Hintergründe erleuchtet und hochinteressante Einblicke in die Kreation der Dokumentation gegeben hat.

  2. Dorothea schreibt:

    Ich habe gestern sehr spät auf arte diesen hochinteressanten Film Metamorphosen gesehen. Leider werden solche wichtigen Filme im TV, wo sie schließlich ein größeres Publikum erreichen könnten, immer sehr spät gezeigt. Leider war die Schrift der Texttafeln so winzig, dass man den Text im TV auch auf einem großen Monitor nicht lesen kann. Das der Sender so etwas nicht bemerkt, ist mir unverständlich. In der Wiederholung im Internet verschärft sich das Problem noch. Da sollte Sebastian Mez unbedingt nochmal überarbeiten. Ich würde gern seine anderen Filme sehen. Wo ist das möglich? Es scheint, als ob er dort im Südural alles allein gemacht hat. Ist das richtig? Es wäre schön, wenn man mehr über den Filmemacher erfahren und auch mit ihm in Kontakt treten könnte. Auf seiner Homepage gab es nur ein Foto!

  3. Daumenkino schreibt:

    Wir haben eine neue Webseite http://dkritik.de , auf der das Interview auch noch einmal zu finden ist und die außerdem um einiges übersichtlicher und inhaltlich erweitert ist. Schön, dass der Film Anklang gefunden hat. In der Tat ist es schade, dass Filmen diesen Formats so selten im Fernsehen zu sehen sind, leider hat Metamorphosen in Deutschland auch keinen Kinostart bekommen können. Derzeit arbeitet Sebastian Mez an einem neuen Film, da heißt es jetzt Augen und Ohren offen halten-seine alten Filme sind wohl kaum zu bekommen. Ein paar Zusatzinformationen gibt es noch in unserer Kritik zum Film auf dkritik.de http://dkritik.de/cinemathek/metamorphosen-am-03-06-2013-um-1900/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s