Gradwanderung am Rande von Allem

Bildgewaltig beginnt das Ende der Zeit.
(Natürlich) im Weltall.
Die Zeit, ein maßlos untertreibend kleines Wort für einen Riesenbegriff, für eine fundamentale Dimension unserer Vorstellung. Eine Dimension mit vielen Gesichtern.

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Was ist die Zeit?
Urgewalt? Physikalische Größe? Raumzeit-Dimension? Bloße Illusion? Und ist die Frage nach dem Wesen nicht wesentlich überholt in der Gegenwart?

Peter Mettler nähert sich dieser Frage in The End of Time in kreisenden Bewegungen.

Es gibt einen Prolog und einen Epilog und dazwischen ein filmisches, dokumentarisches, ästhetisches Abtasten des selbstverständlichsten Phänomens unseres Lebens, das niemand so Recht durchschaut.

Das erste Bild: ein Mensch, der verdrahtet und eingepackt wird. Ein Astronaut? Die erste Bilderflut bricht sich ihre Bahn: historisches Filmmaterial von Flügen, eine Qualle, eine silbrig schimmernde Blase vor dichten rötlichen Wattewolken, ein Fallschirmsprung, die Erdatmosphäre, Geräusche einer Sauerstoffflaschenatmung, ein Bergkamm inmitten eines bewegten Wolkenflusses.

In the beginning, there were no names…“

Wer vom Ende spricht, muss irgendwo einen Anfang setzen. Der kann auch einer Entgrenzung entspringen, der Auflösung von Begrifflichkeiten am Rande des Begreifbaren.

Der Anfang (der schwerlich zu benennen ist, denn der Film beginnt scheinbar ständig von Neuem), der Anfang eines Stranges, der das Verstehen des Phänomens Zeit auf rationale Weise aufnimmt, wirft den Zuschauer hinein in eine riesige hochtechnisierte Anlage, in der sich führende Köpfe der Physik versammeln. Das CERN, die Europäische Organisation für Nuklearforschung, wurde schließlich zu keinem geringeren Zweck geschaffen, als demjenigen, die fundamentale Struktur des Universums zu untersuchen.

An diesem Ort passiert bereits eine Spaltung: in Sequenzen wird das Kamerateam durch die Anlage geführt, der Blick über einen Split Screen durch Überwachungskameras und in den Serverraum des CERN. In weiteren Sequenzen finden Interviews mit den Wissenschaftlern statt, die ihre persönliche und wissenschaftliche Meinung zum Thema äußern. Wieder andere Sequenzen zeigen die symmetrischen kreisförmigen Tunnelquerschnitte der empfindlichen Giga-Apparatur, die sich mandalaförmig ins Bewusstsein bohren.

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Der Film ist kein Versuch, zu definieren. Er ist beständiges Fragen nach seinem Gegenstand, das Werfen eines Lichtstrahls in ein kristallines Spiegellabyrinth, in dem wir die komplex sich auffächernde Bahn des Ausgangsimpulses mehr staunend als verstehend verfolgen dürfen.

Es ist ein wilder Strudel an Bildern, Lebensperspektiven, Ergebnissen, Anschauungen, Meinungen, Überlegungen und wieder Bildern.

Zwischenzeitlich fühle ich mich im Kino ein wenig verlassen vom Film. Immer wieder kommen neue Menschen auf den Plan. Sie schildern ihre jeweils eigene Sichtweise und ihren persönlichen Umgang mit der Zeit, mit denen ich mehr oder weniger anfangen kann. Sie stellen so etwas wie Hauptteile der Erzählung auf fassbarer Ebene dar.

Immer wieder finden plötzliche Orts- und Bildsprachenwechsel statt, brauen sich Bildgewitter über mir zusammen und prasseln rücksichtslos nieder.

Ich bin ganz durchgeschüttelt davon, beeindruckt auch. Der erste Nachgeschmack ist dennoch ein wenig fad. Dieses unbefriedigte nicht auf den Punkt gekommen zu sein, irgendwie zerfasert fühlt sich das an. Auf den zweiten Blick liegt hierin gerade die Stärke: in einer qualitativ durchwachsenen Materialmontage, in der so viele Verstandes- und Wahrnehmungsebenen wild durchkreuzt werden. In einer feinfühligen inhaltlichen Collage, die sich an ein großes Thema wagt. Die viele gewohnte wie nervende Erklärungsmuster auslässt. Sie enthält auch viele Körner für blinde Hühner wie mich. Zahlreiche Verbindungen. Der Film stößt an. Bestenfalls Denkprozesse.

The End of Time | Kanada, Schweiz | 2012 | 109′

Regie: Peter Mettler
Produktion: Cornelia Seitler, Ingrid Veninger, Brigitte Hofer, Gerry Flahive
Verleih: Maximage
Kinostart (Deutschland): 9. Mai 2013

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