Der schwere Weg der „Liebe“

Das Thema ist genauso brisant wie aktuell: Sterbehilfe. Wie geht man damit um, wenn der Partner nicht mehr leben möchte? Wenn er (oder sie) in völliger Lethargie versinkt und letztendlich sogar die Nahrungsaufnahme verweigert? Filme über dieses Thema gibt es durchaus. So behandelt beispielsweise auch Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ dieses heikle Thema. Aber keiner tut es so intensiv und sensibel wie Hanekes „Liebe“. Aber er tut dies subtiler und erst im letzten Viertel des Films. Und doch begleiten einen die Fragen rund um die Sterbehilfe den gesamten Film über. Reicht es aus sich hingebungs- und aufopferungsvoll seinem Partner in dessen schwerer Zeit zu widmen? Oder kann/soll/will man sogar einen Schritt weitergehen und dem Wunsch nachgehen, das Leben vorzeitig zu beenden? Es zerreißt einem das Herz, wenn man mit ansehen muss, wie Georges verzweifelt versucht, der bettlägerigen Anne das Essen einzuflößen, die die Aufnahme partout verweigert. Die „richtige“ Entscheidung zu treffen ist dabei unmöglich. Wobei es, abgesehen von der Rechtslage, vermutlich keine „richtige“ Entscheidung geben kann. Handelt man im Interesse des Patienten (in dem Fall von Anne)? Oder versucht man die letzten Momente mit seinem Partner so gut es geht auszunutzen und die Trennung hinauszuzögern? Gibt es doch zwischen all der Lethargie Momente der Freude. Wenn Anne beispielsweise ihren neuen elektronischen Rollstuhl ausprobiert und ungestüm und übermütig wie ein kleines Kind durch den Flur kurvt und das Paar beherzt dabei lacht.

Haneke behandelt die Vielzahl der Themen, wie die Trauer, den Kampf mit dem Tod, der Liebe, der Sterbehilfe und dem Ungesagten mit so viel Sensibilität und Intensität, dass sich der Zuschauer selbst in einem Kampf wiederfindet. Mit langen Einstellungen, wenig Dialogen und der Wohnung als (fast) einzigen Handlungsort wird der Zuschauer Teil des Leidenswegs, den Georges und Anne bewältigen müssen. Teilweise scheinen die 127 Minuten nie zu enden, aber der Film braucht genau diese Länge, um den Schmerz in dieser Intensität zu vermitteln, wie er es tut. Den langen und schier endlosen Weg zum Unumgänglichen geht Georges mit dem Zuschauer gemeinsam. Es ist das Gefühl des Loslassens, das einen konstant begleitet. Wann ist der richtige Moment gekommen? Gibt es ihn überhaupt? Diejenigen, die diese Erfahrung bereits selbst machen mussten, können Georges Verhalten noch intensiver nachfühlen.

„Liebe“ ist kein Film, der die Schwierigkeiten und Marotten des Alterns thematisiert, sondern behandelt eben auch ein Tabu-Thema wie Sterbehilfe. Denn das Thema ist wenig behandelt und wird gern unter den Teppich gekehrt. Das Alter soll ja schließlich nicht abschrecken. Und doch braucht es einen Film wie „Liebe“, um das „Unsagbare“ sagbar zu machen. Er lässt einen nachdenklich im Stuhl zurück. Und er konfrontiert den Zuschauer unweigerlich mit Fragen, denen sich irgendwann jeder stellen muss – nicht nur im Alter.

Über Christin Ehlers

Studentin der Medienwissenschaft || Lieblingsfilme: Adams Äpfel ( A.T. Jensen, 2005), Into the Wild (S. Penn, 2007), Reservoir Dogs (Q. Tarantino, 1992), König der Löwen (Walt Disney, 1994 ), Le fabouleux destin d'Amélie Poulin (J.-P. Jeunet, 2001), Inception (C. Nolan, 2010)
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