Meek´s Cutoff – Ein „Frauenwestern“

So wurde der Film von Kelly Reichardt von vieler Seite aus angepriesen. Schnell wird klar warum: Es gibt keine wilden Verfolgungsjagden zu Pferde, keine Schießereien und Prügeleien in Salons und auch keine Trinkorgien. Ganz im Gegenteil. Bei Meek´s Cutoff geht es um die Reise dreier Familien und ihrem Anführer Stephen Meek (Bruce Greenwood), der sie durch die Steppe bis hinüber über die Cascade Mountains leiten soll. Das Vertrauen der Gruppe in Meek schwindet jedoch im Laufe der Zeit immer mehr, da sie nicht, wie versprochen, an ihr Ziel kommen und auch das Wasser knapp wird. Meek verstrickt sich in Ausreden, zunächst überzeugend. Doch  spätestens als die Gruppe einen einheimischen Indianer (Rod Rondeaux) gefangen nimmt – in der Hoffnung er kenne den kürzesten Weg zur nächsten Wasserstelle – verstärken sich die Zweifel an seiner Kompetenz. Er redet den Familien ein, dass Indianer schlechte Menschen sind und man ihnen nicht vertrauen kann – zumal auch die Verständigung nicht funktioniert. Zwar wird hier die typische Rollenverteilung von Mann und Frau – die Männer diskutieren über den einzuschlagenden Weg, die Frauen fügen sich der Entscheidung – dargestellt, dennoch ist es Emily Tetherow (Michelle Williams), die immer wieder ihre Bedenken offen äußert, die anderen der Gruppe zum Nachdenken über ihre Situation bewegt und aus irgendeinem Grund dem Indianer zu vertrauen beginnt. Doch welches Schicksal die Siedler letztendlich ereilt bleibt am Ende des Films offen.
Dieser Schluss ist charakteristisch für Filme Kelly Reichardts. Ebenso wie die nahezu unendliche Stille, die den Film durchzieht. Nur an wenigen Stellen ist Musik zu hören, welche die herrschende drückende Stimmung wahnsinnig gut untermauert. Ansonsten lebt der Film durch die natürlich entstehenden Geräusche der durch die Einöde rollenden Planwagen, das Hufgetrappel der Tiere und das Knistern des Lagerfeuers. Die wenig geführten Gespräche untermauern eigentlich nur die Situation, in der sich die Siedler befinden. Aber auch ohne Sprache würde der Film genauso wirken.

Was bei dieser Art von Film, gerade wenn er in solch einer Landschaft gedreht wurde, verwundert ist das gewählte Bildformat. Man erwartet bei einem „Western“  eigentlich ein breites, schmales Bild, das die Landschaft hervorbringt, durch die die Menschen ziehen, doch Kelly Reichardt durchkreuzt diese Vorstellungen, indem sie ein inzwischen fast veraltetes, nahezu quadratisches Bildformat verwendet. Dennoch verfehlt der Film seine Wirkung nicht. Man muss keinen größeren Ausschnitt der Landschaft zeigen, denn in vielen Szenen wird deutlich genug durch was für eine karge Umgebung sich die Siedler fortbewegen – endlose Weiten, hier und da von Bergen durchbrochen und endend am Horizont.

Bim Schauen von Meek´s Cutoff erwischt man sich vielleicht gelegentlich dabei einen Blick auf die Uhr zu werfen, um zumindest abschätzen zu können, wann der Film endet, aber eigentlich verdirbt es einem nur die Stimmung, in die man sich versetzt hat. Man muss sich auf den Film einlassen, denn wenn man das tut und weiß, wie Kelly Reichardts Filme funktionieren, wird einem automatisch bewusst: ok, nach dieser Szene ist er zuende – und dieses Gefühl trügt selten.

Über Anja Neumann

Studentin der Medienwissenschaften || Meine Filmfavoriten: "The Sting" (George Roy Hill), "Memento" (Christopher Nolan), "Sound of noise" (Ola Simonsson & Johannes Stjarne Nilsson), "Der Club der toten Dichter" (Peter Weir), "Wie ein einziger Tag" (Nick Cassavetes), "Das fünfte Element" (Luc Besson), Heinz Rühmann-Filme
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